Mein Traum vom Freilernen - Schule als einzige Möglichkeit?

Für den heutigen Post brauche ich ein wenig Mut. Warum? Weil es nicht leicht ist gegen den Strom zu schwimmen. Weil es nicht leicht ist etwas in Frage zu stellen, dass für fast alle selbstverständlich ist.

 

Wovon ich rede? Von der deutschen Schulpflicht. Gibt es keine Alternativen zur Schule? Doch, das Freilernen (auch Hausunterricht, Homeschooling bis Unschooling, je nach Lebensstil). Nur ist dies im Gegensatz zu vielen anderen Ländern in Deutschland ein Problem. Warum? Gut so? Noch nie darüber nachgedacht? Lies weiter!

Da mich das Thema gerade sehr beschäftigt, möchte ich eine kleine Reihe daraus machen. In diesem ersten Post möchte ich beschreiben, wie ich zum Thema kam. Als nächstes kommen dann Posts dazu, wie Freilernen aussehen kann und was die Vorteile sind. Außerdem geht es um Argumente dagegen und mögliche Nachteile. Da ich selbst nur über Interesse aber nicht über Praxiserfahrung mit Kindern im schulpflichtigen Alter verfüge, werde ich an mehreren Stellen Erfahrungsberichte und ergänzendes Material verlinken. Und sollten Frage aufkommen, versuche ich diese selbst zu beantworten oder an erfahrene Freilerner weiterzugeben. Viel Spaß!

Wir haben bald ein Schulkind - Vorfreude der Prinzessin und gemischte Gefühle der Mama

Seit der Schulstart für unsere Prinzessin immer näher rückt, hab ich mich viel mit dem Thema Schule beschäftigt. Sie freut sich sehr darauf, äußert aber auch immer wieder Bedenken: Was ist, wenn ich eine Pause brauche? Warum darf ich nicht wieder gehen, wenn es mir nicht gefällt? Zum Glück überwiegt die Vorfreude dann endlich ein großes Schulkind zu sein und endlich richtig Lesen und Schreiben lernen zu dürfen. Am allermeisten freut sie sich allerdings auf die Hofpausen :-)

 

Und ich? Ich hab befreundete Schulkinder und Schulkindeltern nach ihrer Zufriedenheit befragt. Ich hab das Für und Wider staatlicher Schulen diskutiert und Konzepte von Privatschulen verglichen - auf der Suche nach der optimalen Schullösung für uns. Und ich hab viel über das Thema gelesen und nachgedacht.

 

Warum? Seit Schule bei uns konkreter wird, hab ich auch mein früheres Unbehagen bezüglich des erlebten Schulsystems wieder entdeckt. Ich war relativ mühelos eine sehr gute Schülerin und hab dort sehr gute Freunde gefunden. Trotzdem hab ich das ganze System in Frage gestellt und deshalb auch kein Lehramtsstudium angefangen - ich hatte mich in dem System als Schülerin gefangen gefühlt und wollte nicht auf der anderen Seite stehen. Und nun soll ich meine Tochter dorthin schicken und das Ganze möglichst positiv darstellen. Da fragt man sich schon mal noch Alternativen zur Schule? Und findet: Freilernen (auch Hausunterricht, Homeschooling bis Unschooling, je nach Lebensstil).

 

Mein Weg zu Thema Freilernen

Huch, wohin driftet denn diese Mama ab wird sich jetzt der eine oder andere fragen :-)

 

Kann ich auch gut verstehen, ist ja irgendwie sehr merkwürdig. Noch vor 3 Jahren hätte ich eher nach einer guten Ganztagsschule für meine Große gesucht (und hatte sie auch gefunden) als nach einer Möglichkeit, sie möglichst wenig in die Schule zu geben. "Homeschool" klang für mich immer so nach religiösem Fanatismus. Nach Kindern, die keine Chance auf selbstständige Sozialkontakte haben und denen auch die Chance verwehrt wird, im Leben auch mal weniger schöne Situation durchzustehen und daran zu wachsen.

 

Heute sehe ich das anders. Meine Große ist mit 18 Monaten in die Krippe gekommen und wurde dort jahrelang betreut. Der mittlere Räuber ging mit 20  Monaten in dieselbe Einrichtung. Die gelegentlichen 2 bis 3 Wochen Ferien konnten nicht´s daran ändern - Alltag war für die Kinder Krippe und KiTa. Und so ein Krippen-/Kindergartentag ist sehr lang (9 - 15:30). Da bleiben vorher 2h Morgenstress und danach 4h Familienleben. Und das über Jahre.

 

Ich weiß, dass dies für fast alle Familien normal ist und möchte niemanden kritisieren, der so lebt. Wir haben auch jahrelang so gelebt. Ohne auch nur über Alternativen nachzudenken. Ich fand es anfangs noch schwer mich von meiner geliebten Großen zu trennen. Doch dann wurde es Alltag und ich war oft froh, dass Kind auch mal abgeben zu können. Mit einem einzelnen Kind zuhause und ohne Freunde in derselben Situation, waren unsere Tage oft langweilig und wenig zufriedenstellend. Da war die Krippe eine große Hilfe zumindest einen Teil meines alten Lebens wieder zu bekommen. Es blieb aber auch die Verwunderung darüber, dass die intensiven gemeinsamen Zeiten schon mit einem Jahr vorbei sein sollten und ich sie nur noch am Wochenende und in den Ferien intensiv erleben konnte. Nachmittags waren wir beide leider oft müde und haben zwischen Einkauf und Haushalt, Freunde besuchen und alles Mögliche erledigen oft nicht den Draht zueinander gefunden.

 

Mit Räuber Nummer zwei und drei änderte sich dann alles. Für die große Prinzessin waren die ersten Jahre als größere Familie leider sehr schwer. Ein Grund dafür war sicher auch, dass sie in die KiTa abgeschoben wurde und ich die beiden Kleinen zuhause hatte. Nachmittags haben die unterschiedlichen Bedürfnisse mich fast zerrissen.

 

Später kam, obwohl ich dank Räuber Nr. 3 zuhause war, auch unser mittlerer Räuber wie vorher geplant in die Krippe. Ich hatte ja ursprünglich fertig studieren und arbeiten wollen. Fast alle bestärkten mich darin, weil es für mich und das Kind doch viel besser sein. Mein Bauchgefühl und mein kleiner Schatz wollten etwas anderes, doch irgendwie fehlte uns die Ruhe wirklich darüber nachzudenken. Wir funktionierten wie erwartet und waren doch sehr traurig darüber.

 

Und irgendwann hab ich begonnen mehr auf mein Gefühl zu hören und auch meine Beziehung zu den Kindern zu überdenken. Es war eine Reise in die Gedankenwelt des respektvollen und bedürfnisorientierten Umgangs mit Kindern. Einiges haben wir schon lange unbewusst gemacht (Tragen, Familienbett, Stillen, ...) aber vieles war neu für mich. Besonders die Beziehung zu den Kindern war mir wichtig, da meine Beziehung zur Großen durch 2 kleine Brüder und eine zeitweise deutlich überforderte Mama sehr gelitten hatte.

 

Je mehr ich also an unserer Beziehung arbeitete, desto mehr wurde mir die Trennung durch die KiTa bewusst. Und desto mehr hab ich deren Sinn angezweifelt, wo ich doch zuhause war und die Großen einfach nur bei mir sein wollten. Mit mir die Welt entdecken statt ohne mich. Und dann durften sie immer mehr selber wählen und blieben immer öfter zuhause. Anstrengend, wunderschön und es fühlte sich so richtig an. Letztendlich haben wir Krippe und später KiTa gekündigt (darüber mehr an anderer Stelle) und vermissen sie kaum. Unser Lebensstil hat sich völlig verändert und wir genießen die Freiheit, unser Familienleben intensiv genießen zu können. Die Kinder wirklich begleiten und viel intensiver kennenlernen zu dürfen. Plötzlich ergibt sich eine ungeahnte Dynamik und eine der Entwicklungen ist der Lerneifer der Kinder. Endlich haben wir wieder Zeit für Kinderfragen, Bibliotheksbesuche, Bücherkuschelstunden auf dem Sofa und viel mehr Ausflüge.

 

Dieses intensive Familienleben und das selbstständige, Interessen-geleitete Lernen dürften gerne so weitergehen. Und damit hab ich meine Sehnsucht nach dem Freilernen entdeckt.

Was mich am Freilernen fasziniert

Auf der Suche nach Material für die Prinzessin, bin ich auf viele spannende Freilern-Blogs (z.B. HappinessIsHere, JessicaLynette) gestoßen. Der von einigen Familien beschriebene Lebensstil sowie die Möglichkeit, tatsächlich auf die Interessen und Bedürfnisse des jeweiligen Kindes eingehen zu können, faszinieren mich sehr.

 

Ein zentrales Thema ist für mich Freiheit. Es geht um unsere Freiheit als Familie, unseren Lebensstil selbst bestimmen und unsere Tage selbst gestalten zu dürfen. Auch meinen Kindern wünsche ich die persönliche Freiheit selbst zu bestimmen, mit was sie sich beschäftigen wollen und mit welchen Menschen sie ihre Tage verbringen möchten. Und als Elternteil wünsche ich mir die Freiheit, die Lebenswelt meiner Kinder gestalten zu dürfen. Das bedeutet für mich, dass ich sie noch keinem Konkurrenz- und Leistungsdruck aussetzen möchte. Und auch, dass ich 20 bis 30 Gleichaltrige ohne etwas ältere Vorbilder für positives soziales Miteinander schwierig finde. Vielmehr wünsche ich mir für sie eine anregende Umgebung und gute Freunde an ihrer Seite. Auch würde ich gerne entscheiden, wie eine gute Bildung aussieht und auf welche Art sie sich auf die Erwachsenenwelt vorbereiten. Wer hat eigentlich das Recht uns diese Freiheiten wegzunehmen?

 

Es geht auch darum, worauf der Fokus liegt: intensives Familienleben oder Anpassung an das gesellschaftlichen System. Natürlich wollen auch wir an der Gesellschaft teilnehmen, Freundschaften pflegen und uns engagieren. Aber wir wollen Bestätigung und Lebensfreude nicht davon abhängig machen, wie gut wir uns dem System anpassen. Ich glaube, dass ein Schultag Druck zu Funktionieren und sich möglichst gut Anzupassen auf Kinder und Familien ausübt und damit Kreativität, Lernfreunde und freies Denken eher einschränkt.

 

In einer immer schnelllebigeren Welt kommt es meiner Meinung nach immer weniger auf auswendig gelernte Fakten und an das möglichst perfekte Funktionieren in vorgegebenen Strukturen an. Eine viel bessere Vorbereitung erscheint mir die eigene Lernfreude zu kultivieren, das völlig überwältigende Informationsangebot unserer Zeit manövrieren zu lernen und immer darin bestärkt zu werden, eigene Wege zu suchen. Letztendlich bezweifle ich, dass die Schule gut auf ein zufriedenes und selbstbestimmtes Erwachsenenleben vorbereitet.

 

Und muss es tatsächlich so sein, dass Alltag eine Herausforderung ist anstatt von Lebensfreude geprägt zu sein? Wir kämpfen zum Glück nicht mehr ums Überleben. Wir führen keinen Krieg. Meine Kinder wachsen (und ich bin mir sehr bewusst, dass nicht alle diese Glück haben) in einem Umfeld auf, in dem wir durch gute Ausbildung ausreichend Geld für ein gutes Leben zur Verfügung haben. Ich denke, da können wir uns den Luxus gönnen an einem zufriedenen Leben zu arbeiten - für uns und unsere Kinder.

Und was ich damit nicht will

Ich möchte definitiv nicht den Lehrerberuf abwerten. Im Gegenteil, ich halte ihn für sehr wichtig, schwierig und nicht ausreichend gesellschaftlich gewürdigt. Und ich weiß, dass es viele Schulen gib, welche sich unendlich Mühe geben im Rahmen ihrer Möglichkeiten gute Schulbedingungen für ihre Schüler zu schaffen. Das finde ich großartig und ich hoffe sehr, dass wir mit unserer Grundschulwahl für die Prinzessin solche eine Schule erwischt haben.

 

Ich möchte auch nicht all die Eltern kritisieren, welche sich ein solches Leben nicht vorstellen können. Welche die Betreuung für ihre Kinder brauchen und/oder das soziale Miteinander in der Schule schätzen.

 

Ich wünsche mir einfach nur die Freiheit für meine Kinder und mich ein Leben wählen zu können, welches in sehr vielen anderen Ländern erlaubt ist und beispielsweise in Kanada sogar finanziell unterstützt wird. Ob ich das bis zum Ende der Schulzeit leben wollen würde kann ich nicht abschätzen. Für die ersten Jahre erscheint es mir für unsere Familie aber sehr attraktiv.

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Maki (Montag, 02 Mai 2016 21:44)

    Hallo, wie gut ich Dich verstehen kann. :-) Wir leben in Tschechien, wo Homeschooling von der Regierung zwar nicht unterstützt, aber zumindest toleriert wird. Ich unterrichte zweites Jahr meine Kinder zu Hause und es tut uns allen so gut.

  • #2

    Maria (Dienstag, 03 Mai 2016 13:40)

    Hallo Maki,
    schön, dass du dich bei mir umsiehst und danke für deinen Kommentar.

    Manchmal habe ich in meinem Umfeld das Gefühl, mit meiner Meinung bezüglich der Schulpflicht sehr alleine dazustehen. Wie ist das in Tschechien - ist bei euch solch ein Leben ebenso exotisch?

    Ich wünsche euch weiterhin eine tolle gemeinsame Zeit! Und dir auch gerne wieder hier auf dem Blog!

    Viele Grüße,
    Maria

  • #3

    Mia (Samstag, 25 März 2017 22:14)

    Hallo, wir haben auch eine Tochter im Vorschulalter. Wir haben das letzte Jahr in Elternzeit unseres Zweitgeborenen frei leben dürfen. Wir alle lernten vom Leben, vom Spielen und Reisen. Das ist nun meiner Meinung nach der Weg zur eigenen Bildung. Wir möchten unser Kind für sich frei entdecken und erforschen lassen. Genau weil ich Lehrerin bin, ist die Entscheidung für uns klar gegen EinSchulung... aber hier in Deutschland geht es eben nicht :,,( Wir suchen, finden, verwerfen und die Zeit rückt immer näher... es ist frustrierend und ermüdend.
    Danke für deinen Blog und deine Gedanken!
    LG!

  • #4

    Maria (Dienstag, 28 März 2017 22:02)

    Liebe Mia,
    danke für deinen Kommentar!
    Uns ging es ähnlich, wir haben nach Alternativen gesucht und keine Gefunden. Es muss sich diesbezüglich etwas ändern in unserem Land, doch niemand hat den Mut daran zu arbeiten. Ich wäre am liebsten gegangen, doch die Vorfreude der Prinzessin und die Arbeit meines Mannes haben uns festgehalten. Mittlerweile ist die Vorfreude verflogen und die Prinzessin würde gerne auf die Schule verzichten. Aber so einfach ist das nicht. Und so suchen wir wieder nach einer Alternative und ich hoffe, vor der nächsten Einschulung (2019) eine Lösung gefunden zu haben. Für alle drei Räuberkinder.
    Ich kann euch nur den Tipp geben euch zu vernetzten - das Schulfrei-Forum kann ein Anfang sein. Auch eine gute Freie Schule ist vielleicht eine Alternative, zumindest für das Kind, nicht aber für die Familienfreiheit. Schreib mir gerne eine EMail (Kontaktformular auf der "Über Mich"-Seite), wenn du dich weiter austauschen möchtest. Ich hoffe für euch, dass ihr einen guten Weg findet - es wäre für alle so wertvoll!!!
    Liebe Grüße,
    Maria