Wenn der Kopf auf Reisen geht...

... und der zugehörige Mensch nicht hinterher kommt. So geht es mir gerade. Die Gedankenreise führte in die Welt des respektvollen und gleichwertigen Umgangs mit Kindern, zum Attachment Parenting und in die Gedankenwelt der "unerzogen"-Bewegung (Antipädagogik). Was es damit auf sich hat? Und warum diese Reise wundervoll und ein wenig beängstigend ist? Lies weiter:

 

 

Die letzten zwei Wochen waren unglaublich inspirierend: ich habe wundervollen Interviews im Zuge des Online-Kongresse "Beziehung statt Erziehung" folgen dürfen und habe, davon angeregt, selbst einige tolle Gespräche geführt und mich in verschiedene Themen eingelesen. So viel Gedankenfutter in so kurzer Zeit - ich bin immernoch am bewältigen. Und ich habe unzählige Male gedacht, dass ich nun endlich Argumente für mein Bauchgefühl gefunden habe. Dass ich wohl doch nicht so allein mit meiner Meinung bin. Und dass es schade ist, dass ich erst jetzt viele dieser Gedanken kennenlerne, wo ich doch schon viel früher Verwendung dafür gehabt hätte, aber mir meiner Sache nie sicher war.

 

Unerzogene Kinder?

Als ich dem Stichwort "unerzogen" zum ersten Mal begegnet bin, war ich sehr verwundert. Wie sollen sich Kinder zurechtfinden, wenn sie nicht mithilfe von Erziehung die gesellschaftlichen Normen kennenlernen? Und was für Erwachsene sollen sie werden, wenn sie immer machen konnten, was sie wollten? Wie wirkt sich das auf die Gesellschaft aus? Das Ganze war mir sehr suspekt. Gleichzeitig haben mich das Freilernen, der respektvolle Umgang mit Kindern und der Fokus auf die Beziehung mit den Kindern sofort angesprochen.

 

Mittlerweile kann ich nachvollziehen, was es damit auf sich hat: "unerzogen" bedeutet, nicht am Kind herumbasteln zu wollen. Es bedeutet, positiv und wertschätzend mit dem Kind umzugehen und es sein eigenes Wesen entfalten zu lassen. Das Kind wird ernstgenommen als vollständige aber unerfahrene Persönlichkeit, die ihre Erfahrungen mit der Welt noch machen wird. Gesellschaftliche Normen werden vorgelebt und es wird davon ausgegangen, dass jeder Mensch als soziales Wesen aus seinem Innersten heraus bestrebt ist, den Regeln der Gesellschaft größtenteils zu folgen. Wir als Eltern sind als Unterstützer und Begleiter gefragt aber nicht als das Kind formende Erziehungspersonen. Der Vorteil ist, dass es nie darum geht die Persönlichkeit oder den Willen des Kindes zu brechen. Es gibt keine Machtposition für die Eltern. Stattdessen sind alle Familienmitglieder gleich viel wert und wollen auf die gleiche Weise als Persönlichkeit respektiert werden. So dürfen seelisch gesunde Kinder aufwachsen - positiv und wertschätzend mit anderen Menschen umgehende, starke und eigenständige Persönlichkeiten. Das ist natürlich gut für die jeweiligen Kinder aber ebenso braucht unsere Gesellschaft genau solche Menschen um die vielen Probleme, an welchen wir uns die Zähne ausbeißen, lösen zu können. Wunderbar beschreiben hat das Aida S. de Rodrigues auf ihrem Blog Elternmorphose: "Wie aus unerzogenen Kindern selbstbewusste Erwachsene werden…".

 

Neumodischer Unsinn? Dass diese Ansicht nicht neu ist, zeigt das folgende Zitat von John Holt:

"Erwachsene sagen: "Wenn man Kindern die Wahl lässt, werden sie schlechte Entscheidungen treffen." Selbstverständlich werden sie einige furchtbare Entscheidungen treffen. Aber wie kann jemand lernen, gute Entscheidungen zu treffen, außer indem er welche trifft und mit den Konsequenzen lebt? Und was noch wichtiger ist: wie kann jemand lernen, schlechte Entscheidungen zu erkennen und sie zu ändern, um den Fehler zu korrigieren, wenn er nie die Möglichkeit hatte, jemals Fehler zu machen, oder wenn alle seine Fehler für ihn korrigiert werden? Und am wichtigsten von allem: wie wird ein Kind, dem nie die Möglichkeit gegeben wird, wirkliche Entscheidungen zu treffen, über sich selbst als Person denken, die fähig ist, Entscheidungen zu treffen? Wenn er zu der Überzeugung gelangt, dass man ihm nicht zutrauen kann, sein eigenes Leben zu bewerkstelligen, an wen soll er sich wenden, um dies für ihn zu handhaben" (J.Holt: The underachieving school, 1972, S. 3)?

 

Und wohin führt nun die Reise?

Neben der Faszination dieses Themas und der Begeisterung über den "menschlicheren" Umgang mit den Kindern merke ich immer stärker, dass ich mich gedanklich vom Mainstream entferne. Dass ich den üblichen Umgang mit Kindern in Frage stelle. Und dass es gewissermaßen keinen Weg zurück gibt. Das ist ein wenig beängstigend, da ein im üblichen Sinne "funktionierendes" Kind in Gesellschaft für alle Beteiligten einfacher ist (außer vielleicht für das Kind selbst). Und wir sind nun oft in völlig anders denkender Gesellschaft.

 

Auch glaube ich, dass es im System der Kinderbetreuung fest verwurzelte Familien mit Kindergarten und Schule deutlich einfacher haben. Sobald man etwas anderes will, ist man nicht mehr systemkonform. Einen legalen Ausweg gibt es in Schulfragen aber bisher nicht, wenn man nicht in Nähe einer tollen Freien Schule wohnt. (Schulkritik - nanu? - dann lies meinen Post Vorteile des Freilernens)

 

Solange man sich aber selbst nicht sicher ist, wie das alles funktionieren soll, wird es schwierig. Und genau in dieser Phase befinde ich mich gerade: viele Dinge haben wir unserer Intuition nach auch bisher recht "unerzogen" gehandhabt. Da tut es einfach gut, sich nicht mehr relativ alleine zu fühlen. Anderes stelle ich gerade in Frage und möchte eine Reihe von Dingen anders machen. Aber ich habe kaum Vorbilder und keine Erfolgserlebnisse vorzuweisen... Eine nicht immer einfache aber sehr spannende Reise für unsere Familie.

 

Hast du schon über das Nicht-Erziehen nachgedacht oder lebst danach? Schreib mir doch!

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