Bist du mutig genug deine Kinder sie selbst sein zu lassen?

Wir bemühen uns, unseren Kindern viel Freiraum zu lassen. Sie sollen ausleben dürfen, was in ihnen steckt, anstatt was wir Eltern wollen oder was gesellschaftliche Erwartungen so mit sich bringen. Doch was zuhause oft noch problemlos möglich ist, stellt uns unterwegs gelegentlich auf eine harte Probe: wir müssen mutig zu unseren Kindern stehen anstatt es allen recht machen zu wollen - so wie wir es früher gelernt haben. Wenn das nur nicht so schwierig wäre:

Vor ein paar Tagen in einem großen, schwedischen Möbelhaus: die Prinzessin sitzt mit Zettel und Stift im Restaurant-Bereich und singt beim Malen, so dass auch die Nebentische etwas davon haben. Sie singt die Geschichte zu ihrem Bild, eine sehr süße Situation. Ich freue mich über ihr versunken-sein und darüber, dass sie einfach sie selbst ist anstatt die Reaktionen unserer Umgebung zu beobachten.

 

Gleichzeitig denke ich "Was unsere Sitznachbarn wohl davon halten? Könnte es sie stören?" Und ich bitte meine Prinzessin, etwas leiser zu singen. Dann sitze ich da, lass die Situation auf mich wirken und finde meine Reaktion total blöd. Sie hat nicht rumgeschriehen oder war aufdringlich laut, aber sie war eben ganz vertieftes Kind anstatt auf die Konventionen bedachter Erwachsener. Und ich wette, es hat niemanden gestört. Es wurde einfach nur bemerkt.

Starke Kinderpersönlichkeiten und eine verwunderte Umwelt

In solche Situationen komme ich oft. Ich bin mit vielen ungeschriebenen Regeln aufgewachsen und der Gedanke, was andere über mein Verhalten denken könnten, ist sehr präsent. Ich wollte schon immer gefallen und hab auf diesem Wege viel positive Rückmeldung erhalten.

 

Aber meine Kinder sind anders. Sie sind einfach ganz authentisch sie selbst und haben keine Angst davor aus der Reihe zu tanzen. Das finde ich wunderbar. Ich wünsche mir, dass sie sich weiterhin so selbstsicher fühlen, dass sie diese merkwürdige Bestätigung durch Fremde nicht brauchen.

 

Das heißt nicht, dass wir keine Rücksicht auf andere nehmen. Das ist mir sogar sehr wichtig. Aber ich möchte nicht die Persönlichkeit meiner Kinder vorsorglich einschränken nur um die vermuteten Ansprüche anderer zu erfüllen. Doch das erfordert Mut, jeden Tag auf´s neue. Denn meine Räuber sind nicht sehr angepasst:

  • die Jungs wünschen sich lange Haare wie ihre Schwester und finden die Zuordnung in Jungs- und Mädchenfarben absolut ungerecht
  • die Prinzessin sieht gelegentlich aus wie die wilde Räuberprinzessin, die sie auch ist
  • alle Kinder suchen sich ihre Sachen selbst heraus und mindestens einer der drei hat irgendetwas nicht zusammenpassendes gerne falsch herum an
  • mein Kinder sind gerne wild und laut, dass kommt auch mal durch, wenn es gerade nicht so passend ist - sie haben einfach keine Angst vor Strafen sondern wissen, dass sie Fehler machen dürfen
  • sie sind es gewöhnt, dass Erwachsene nicht automatisch recht haben oder alles bestimmen dürfen - wird einer ihrer Wünsche verneint oder übergangen, wollen sie eine Erklärung
  • sie kennen von uns einen Umgang mit Kindern, der größtenteils sehr liebevoll und respektvoll ist - von daher finden sie es nicht in Ordnung mit weniger Respekt als jeder andere (erwachsene) Mensch behandelt zu werden
  • sie trauen sich nahezu jederzeit jeden Menschen zu hinterfragen
  • sie befinden sich immer wieder zu offensichtlich für Kinder ungewöhnlichen Zeiten an für Kinder ungewöhnlichen Orten, zumindest kommt mir das immer wieder so vor wenn ich als einzige mit Kindern unterwegs bin während um uns herum nur Erwachsene sind (z.B. vormittags in der Stadt, am späteren Abend auf einem Stadtfest, ...)
  • ...

All diese Dinge finde ich gut und richtig. Wir wollen so leben und glauben daran, dass Kinder genau den gleichen Respekt verdient haben wie alle anderen (erwachsenen) Menschen. Und dass sie den gleichen Raum einnehmen dürfen wie alle anderen (erwachsenen) Menschen, denen durchaus gelegentliche Fehlentscheidungen sowie ein paar Marotten und Schwächen zugestanden werden. 

 

Allerdings sind all diese Dinge für viele meiner Mitmenschen ausgesprochen ungewöhnlich. Kinder, welche man nur sehen aber nicht hören kann und welche brav funktionierend bessere Manieren zeigen als mancher Erwachsene scheinen noch immer erwartet zu werden.

 

Das kann ich aber nicht bieten. Das möchte ich auch garnicht. Denn auch wenn das manchmal unbequem für uns Erwachsene ist, so möchte ich sie ihre Kindlichkeit voll ausleben und genießen lassen. Und ich möchte ihre individuellen Persönlichkeiten stärken und beschützen anstatt sie möglichst klein und brav zu halten. Was kann ich also konkret machen, damit wir alle gut zurechtkommen?

 

Tipps für unangepasste Kinder und deren halb-mutige Eltern

Ich kann hier natürlich nur berichten was uns so hilft, über weitere Ideen in den Kommentaren würde ich mich sehr freuen.

 

Für mich das Wichtigste bei ausreichend verständigen Kindern (also ab spätes Kleinkindalter) ist darüber sprechen: Wer möchte warum was genau? Letztendlich sind wir in diesem Punkt erst am Anfang unserer Reise. Aber jedes Mal, wenn ich mir die Zeit nehme die Situation mit möglichst vielen Beteiligten und so vielen Motiven, wie uns eben einfallen, durchzusprechen, merke ich den positiven Effekt: die Räuber wollen kooperieren. Sie wollen ihnen wichtigen Menschen eine echte Hilfe sein und sie wollen, dass wir uns alle gut verstehen. Aber sie wollen auch gesehen und gehört werden. Sie wollen verstehen und sich freiwillig entscheiden dürfen inwieweit sie sich anpassen.

 

Und wenn es gerade gut klappt, bemühe ich mich die Kinder nicht zu überfordern. "Es klappt gerade so gut und dann können wir doch noch schnell ..." geht einfach oft nach hinten los. Denn irgendwann ist ihre Anpassungsfähigkeit einfach aufgebraucht und dann brauchen sie ganz dringend Raum und Zeit wild herumzutoben, alleine vor sich hin zu spielen oder eingekuschelt an uns Eltern Kraft zu tanken.

 

Zusätzlich zu diesen beiden Punkten fehlt nur noch Vertrauen und Selbstbewusstsein/ Mut. Ich muss mich gelegentlich selber daran erinnern darauf zu vertrauen, dass meine Kinder einen Weg gehen, der für sie richtig und stimmig ist. Manchmal verstehe ich ihre Denkweise nicht oder würde mich anders entscheiden, aber das ist gewissermaßen mein Problem und nicht ihres. Denn sie sind authentisch sie selber und nur ich, als Teil ihrer Umwelt, bewerte ein Verhalten nach meinen Regeln. Solange sie sich aber an grundsätzliche Regeln des Zusammenlebens halten, müssen ihre Regeln ja nicht die meinen sein. Gerade wenn ihr unangepasstes aber durchaus akzeptables Verhalten Kritik hervorruft, brauchen sie meine Unterstützung. Und dafür brauche ich wiederum gelegentlich noch mehr Mut/ Selbstbewusstsein. Aber ich weiß, warum mir das wichtig ist und so arbeite ich für sie (und auch für mich) an mir.

 

Unser aktuellstes Beispiel

Die Prinzessin hat derzeit ein absolutes Lieblings-TShirt, welches sie am liebsten dauertragen würde. Gestern abend hatte es nicht zu übersehende Flecken und so hab ich sie gebeten, es gleich in den Wäschekorb zu legen damit sie es morgens nicht doch wieder anzieht.

 

Sie: "Mama, ich will nicht. Ich will das morgen wieder anziehen."

Ich: "Aber das hat ganz deutlich Flecken. Ich wasch es dir und übermorgen kannst du es wieder anziehen."

Sie: "Nein, ich will das morgen wieder anziehen. Dann darfst du es waschen, wenn es unbedingt sein muss."

Ich: "Aber Prinzessin, wenn du mit so einem dreckigen TShirt in die Schule gehst, siehst du ungepflegt aus. Vielleicht stört das deine Freundinnen." (Ich versuche krampfhaft "das macht MAN nicht" zu vermeiden und eine sinnvolle Begründung zu finden)

Sie: "Ach was Mama, meine Freundinnen kennen und mögen mich so, wie ich bin. Auch mit dreckigem TShirt."

Ich: "Das finde ich wunderschön so. Aber es gibt noch einen anderen Grund: In unserer Gesellschaft sind die Eltern für die Kinder verantwortlich. Auch dafür, dass Kinder möglichst sauber herumlaufen. Wenn du ein dreckiges TShirt anhast denken andere Leute, dass ich eine Mama bin die es nicht schafft, sich ordentlich um ihre Kinder zu kümmern. Es ist mir aber sehr unangenehm, wenn andere denken ich bin eine schlechte Mama."

Sie: "Aber du bist doch die beste Mama der Welt. Wie können die Leute wegen einem dreckigen TShirt sowas denken???"

(Wir diskutieren eine Weile über die teilweise merkwürdige Welt der Erwachsenen, die für Kinder so schwer zu durchschauen ist.)

Sie: "Weißt du was, Mama? Du kannst das TShirt doch waschen, wenn es dir wichtig ist."

Ich: "Weißt du was Prinzessin, du kannst das fleckige TShirt gerne tragen, wenn es dir wichtig ist. Du bist mir so viel wichtiger als das, was irgendwer vielleicht über mich denkt."

(Sie strahlt und nimmt mich in den Arm, drückt mich ganz fest an sich und legt dann das TShirt zu den Sachen für den nächsten Tag.)

 

Dann war sie eben mit fleckigem TShirt in der Schule. Es war ihre Entscheidung und falls es eine ihrer Freundinnen überhaupt bemerkt hat, war es zumindest kein Problem. Warum auch in der ersten Klasse?

 

Für mich auch nicht, weil ich voll dahinter stehe, dass sie diese Entscheidung getroffen hat. Denn ihr Äußeres sollte ihre Entscheidung sein. (Auch wenn es da natürlich gesundheitliche und hygienische Grenzen gibt - wenn wir diese erreichen, werden wir darüber diskutieren.)

 

Und so kultiviere ich das Selbstbewusstsein auch in unpopulären Entscheidungen hinter meinen Kindern zu stehen. Denn genau dann brauchen sie meine Rückendeckung. Genau in solchen Situationen lernen sie entweder sich den ungeschriebenen Gesetzen zu beugen oder aber zu sich selbst stehen - beides gleichzeitig geht oft nicht.

 

Und bitte nicht falsch verstehen: ich möchte schon, dass sie die ungeschriebenen Regeln kennen um sich in unserer Gesellschaft zurechtzufinden. Aber solange sie niemandem schaden, dürfen sie selbst entscheiden, inwieweit sie ihre eigenen Regeln den gesellschaftlichen unterordnen wollen. Ein paar Flecke auf dem TShirt tun im Alltag niemandem weh, aber ein hartes Durchgreifen von mir kratzt am kindlichen "Ich bin es wert selber über mich zu bestimmen."

Wie ist das mit dir?

Fällt es dir manchmal schwer hinter deinen Kindern zu stehen,

weil sie sich nicht angepasst verhalten wollen oder gibt es solche

Situationen bei dir nicht?

Hast du einen Tipp für mich?


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Kommentare: 2
  • #1

    Petra (Freitag, 03 Februar 2017 07:31)

    Liebe Maria,
    vielen Dank für diesen tollen Beitrag. Das ist ein Thema, das mich gerade auch immer wieder beschäftigt. In mir gibt's da auch zwei Schubladen für "das macht man" und "das macht man nicht" - und die Sachen, bei denen ich unsicher bin, sortiere ich meist auch noch in die Schublade "das macht man lieber nicht" ein. Man möchte ja wirklich, dass die eigenen Kinder mal gut in der Gesellschaft klarkommen, liebevolle, umsichtige Erwachsene werden, - mit Erziehungsversuchen bewirkt man aber eher das Gegenteil. Gerade für dieses Ziel ist es doch wichtig, sich Zeit zu nehmen, einander ernst zu nehmen, aufeinander einzugehen. Manchmal spielt aber noch eine andere gedankliche Komponente bei mir rein. Unser großer möchte zum Beispiel gerne Röcke und Kleider tragen, wie seine Schwester. Das finde ich eigentlich gar nicht schlimm, doch dann überlege ich, dass er vielleicht blöde Reaktionen von anderen bekommen könnte - und davor würde ich ihn eigentlich lieber beschützen.
    Schwierig finde ich auch, in vielen Situationen immer gleich reagieren/entscheiden zu müssen - so eine Gedenkminute wäre klasse - eine Art Fernbedienung, wo man kurz auf Pause drücken könnte, alle Möglichkeiten gedanklich durchspielen und sich dann ganz klar für eine entscheiden zu können. Ich überlege gerade (denke an euer aktuelles Beispiel), dass sich das ja auch in einem Gespräch entwickeln kann. Hm, vielen Dank für den Denkanstoß :)
    Liebe Grüße,
    Petra

  • #2

    Maria (Freitag, 03 Februar 2017 15:56)

    Liebe Petra,
    danke für deinen Kommentar!

    Diese Fernbedienung hätte ich auch gerne - dann würde ich nicht so oft aus Gewohnheit erstmal "Nein" sagen sondern tatsächlich nachdenken. Aber du hast Recht, so ein Gespräch gibt tatsächlich auch Zeit nachzudenken und Argumente zu sammeln. Ich bin es so gewöhnt gleich eine Antwort parat haben zu wollen, aber ich glaube alle Beteiligten haben etwas davon, wenn man gemeinsam laut nachdenkt. So bekommen wir vermutlich auch ganz von alleine liebevolle und umsichtige Erwachsene, wenn sie diese inneren Abwägungen auch mitbekommen.

    Und wir haben hier auch einen gerne Röcke und Kleider tragenden Jungen (merkwürdiger Weise nur einer meiner zwei). Ich hab mich da auch immer sehr schwer mit getan, aus dem selben Grund wie du. Mittlerweile will er wohl selber nicht mehr - aber das ist sicher uns zuzuschreiben :-( Eine Freundin von mir lässt ihren kleinen Sohn in der Öffentlichkeit Kleid tragen und sie haben fast nur positive Erfahrungen gemacht. Wir haben jetzt etwas ähnliches mit den längeren Haaren und auch das ist nicht schlimm. Er wird halt gelegentlich für ein Mädchen gehalten aber er weiß warum und hat gelernt damit umzugehen. Und deswegen Haare abschnieden will er ausdrücklich nicht. Ich glaube, sie können mehr ab als wir ihnen zutrauen, solange sie von zuhause liebevoll unterstützt werden. Ich gebe aber auch zu, dass ich es anstrengend finde systematisch aus der Reihe zu tanzen und es somit zwar eigentlich schade finde ihn in der Rock- und Kleidfrage nicht den Rücken gestärkt zu haben, aber auch froh bin, dass icht ständig für mein Kind erklären muss - dass macht man ja als Mama dann doch viel zu oft...
    Liebe Grüße,
    Maria