Vom Engelchen zum Punk oder dürfen Kinder Friseur spielen?

 

Meine Jungs haben letztens den Papa beobachtet, wie er sich seinen Bart ein wenig gekürzt hat. Kurze Zeit später spielten sie, zuerst unbemerkt, im Wohnzimmer Friseur. Meine erste Reaktion war: „Oh nein“ - was hab ich die süßen „Babylöckchen“ meines Jüngsten und den frechen, nicht ganz kurzen und wunderbar zu ihm passenden Haarschnitt meines Mittleren geliebt. Die erste Reaktion des Papas: „Lasst das, das sieht danach nicht mehr gut aus!“. Doch ich hab ihn überzeugt sie machen zu lassen. Warum?

 

 

Es ist ihr Körper und es sind ihre Haare. Also geht es nicht darum, dass sie meinem Ideal entsprechend aussehen und alle Unbekannten mit „oh wie süß sie sind“ reagieren (auch wenn sich Mama natürlich jedes Mal gefreut hat). Aber sie sind nicht meine Schoßhündchen, sie sind eigenständige Persönlichkeiten. Und wenn dazu eben ein neuer Haarschnitt gehört, dann habe ich da nicht unbedingt ein Mitspracherecht (auch wenn ich sie gebeten habe noch etwas dran zu lassen damit ich mich besser daran gewöhnen kann). Für mich hat das auch etwas mit Respekt vor dem Kind zutun.

 

 

 

Vor allem aber: Was soll die Botschaft sein, die in meiner Haltung mitschwingt? „Nutze deinen Körper um anderen/mir zu gefallen!“ oder „Dein Körper, deine Entscheidung – allein dir muss es gefallen!“ Und weil mir letzteres so wichtig ist, gewöhne ich mich jetzt an neue, sehr kreative Haarschnitte an meinen Räubern. Zum Glück wachsen sie nach, wenn sie dürfen :-)

 

 

 

Und falls du dich jetzt fragst ob ich das konsequent durchziehe: Es gibt durchaus Grenzen für „dein Körper – deine Entscheidung“. Eine Grenze ist die absolut notwendige Mindesthygiene – wenn sie es darauf ankommen lassen würden, müsste ich mit ihnen reden warum mir das wichtig ist. Ich kann unterstützend immer wieder meine Hilfe anbieten und ggf. ein Spiel daraus machen. Wenn das nicht hilft, dann geht die Welt von ein paar Tagen Räuberdasein auch nicht unter. Oft reicht es ersteinmal ihr Gesicht zu wahren, bevor sie selbstbestimmt auf mein Angebot eingehen. Wenn nicht, sage ich schon mal: „Wenn du deine Fingernägel nicht schneiden lässt hab ich Angst beim Toben von dir gekratzt zu werden. Wenn es erledigt ist, können wir gerne weitermachen.“ Das ist keine künstlich herbeigeführte Konsequenz, sondern ich wahre meine Grenzen. Vielleicht ein wenig früher als nötig, doch möchte ich ihnen gerne negative Kommentare ersparen – wir leben in einer wenig respektvollen Welt und die muss kleine Kinder nicht mit voller Härte treffen.

 

 

 

Eine weitere Grenze liegt für mich bei körperlichen Veränderungen, die schmerzhaft sind und sich zu medizinischen Problemen entwickeln können: Ohrlöcher aber auch irgendwann mal dauerhafte Tattoos (anmalen bzw. Klebebildchen sind völlig ok) und Piercings. Wenn der Wunsch auftritt (wir hatten schon mehrmals das Thema Ohrlöcher) reden wir ehrlich darüber, warum uns das eigentlich noch zu früh ist. Und das es sowohl schmerzhaft ist als auch zu Entzündungen führen kann. Außerdem haben wir erklärt, dass man sich solche Dinge in Ruhe überlegen sollte anstatt spontan einer Laune zu folgen. So haben wir mehrfach über Ohrlöcher geredet und bisher hat sich die Prinzessin jedes Mal dagegen entschieden. Sollte es sich ändern, würden wir bei den Ohrlöchern vermutlich über unseren Schatten springen und bei den anderen Dingen in einem entsprechenden Alter der Kinder ebenfalls – ihr Körper - ihre Entscheidung, aber wir wollen unsere Bedenken besprochen haben und eine Bedenkzeit abgewartet wissen.

 

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