Attachment Parenting in der Kritik?

Weißt du, was Attachment Parenting ("bindungsorientierte Elternschaft") ist?

 

Die Werkzeuge wie Stillen, Tragen und Schlafen im Familienbett begegnen vielen Eltern unserer Generation wohl ebenso wie das Thema "Bindung stärken". Ich finde es nicht verwunderlich, dass gesellschaftliche Entwicklungen eben auch in die Kritik geraten, wenn sie sich verbreiten. Trotzdem stellt sich die Frage, ob diese Kritik gerechtfertigt ist:

Attachment Parenting zusammengefasst

Für mich bedeutet Attachment Parenting der bewusste Fokus auf die Bindung zum Kind. Eine sichere Bindung des Kindes zu seiner (bzw. seinen) Bezugsperson(-en) (nachzulesen in der Bindungstheorie, beispielsweise bei Wikipedia), prägt das Kind für sein gesamtes Leben. Die Forschung spricht beispielsweise von adäquaterem Sozialverhalten sowie aufmerksameren kleinen Menschen mit einem guten Selbstwertgefühl und einer geringeren Neigung zu depressiven Symptomen.

 

Diese sichere Bindung ergibt sich, wenn die Bezugsperson (-en) die Signale des Kindes wahrnimmt und angemessen darauf reagiert. Hier kommen also die kindlichen Bedürfnisse ins Spiel. Das Kind vertraut darauf, dass die Bezugsperson (-en) zuverlässig an seiner Seite ist (sind), fühlt sich sicher und kann sich deshalb ungestört entwickeln und die Welt entdecken. Ist das Kind dagegen nicht sicher gebunden, muss es lernen mit ständiger Unsicherheit umzugehen. Das verbraucht kindliche Ressourcen, die an anderer Stelle fehlen.

 

Im Sinne des Attachment Parenting habe ich als Bezugsperson also verstanden, wie wichtig die Erfüllung der kindlichen Bedürfnisse ist. Dabei können mir die typischen Attachment Parenting Werkzeuge wie Stillen, Tragen und Schlafen im Familienbett helfen. Doch sie sind keinesfalls ein ausschließliches Kennzeichen vom Attachment Parenting – ich kann auch ohne diese Werkzeuge den Fokus auf die Bedürfnisbefriedigung meines Kindes legen. Genauso wie ich stillen und tragen kann ohne dabei bewusst die Bedürfnisse meines Kindes in den Mittelpunkt zu stellen...

 

Warum ich Attachment Parenting gut finde

Generell empfinde ich Attachment Parenting als großartige Hilfe: es hat Stillen und Tragen fest in unserer Gesellschaft verankert und auch Dinge wie das Schlafen im Familienbett werden immer bekannter. So hatte ich mit meinem ersten Kind zwar den Begriff Attachment Parenting noch nie gehört, aber Stillen und Tragen war für uns einfach naheliegend und praktisch. Auch das Schlafen im Familienbett kam mir irgendwie selbstverständlich vor: dieser Minimensch suchte ständig meine Nähe und brauchte uns auch nachts. Ich schlafe auch nicht gerne alleine, also warum das Baby?

 

Ich denke, dass diese Dinge deshalb so einfach und naheliegend waren, weil im Geburtshausumfeld eben alle vom Attachment Parenting geprägt gelebt haben. Und so haben uns diese „Werkzeuge“ den Babyalltag erleichtert sowie unsere Bindung intensiviert, obwohl wir noch keinen ausgeprägten Blick für die Bedürfnisse des Minimenschen hatten. Dafür bin ich dem Attachment Parenting sehr, sehr dankbar.

 

Wo bleiben die Elternbedürfnisse bei Attachment Parenting

Doch in meinen Augen hat die Sache zwei Haken. Zum einen legt das ganze Konzept in meine Augen den Fokus ausschließlich auf die Bedürfnisse der Kinder. Die Eltern haben jedoch auch Bedürfnisse, welche auf Dauer nicht zu kurz kommen dürfen.

 

Natürlich stehen die Bedürfnisse eines Neugeborenen an erster Stelle. Auch einen Einjährigen vertröste ich nicht mit „Ich will jetzt aber in Ruhe mit meiner Freundin telefonieren, melde dich bitte in einer halben Stunde wieder“. Attachment Parenting Eltern werden vermutlich auch nicht auf ihre Nachtruhe/abendliche Elternzeit bestehen. Doch wie lassen sich denn nun die Elternbedürfnisse integrieren? Wann kann man damit anfangen? Und in welchem Maße? Und warum ist auch für die Kinder der Lernprozess wichtig, dass Elternbedürfnisse ebenfalls respektiert werden müssen?

 

Darüber liest man im Zusammenhang mit Attachment Parenting leider viel zu wenig. Und das ist hat leider oft negative Folgen: entweder Überforderung bis hin zum Mama-Burn Out – so ist Elternschaft nicht wirklich erfüllend. Oder aber man kommt zu dem Schluss „Attachment Parenting und ähnliche Methoden funktionieren einfach nicht (für dieses spezielle Kind oder allgemein)“ - dann muss man sich um respektvollen Umgang, bedürfnisorientiertes Zusammenleben und ähnliches auch keine Gedanken mehr machen und erzieht autoritär wie gewohnt. Beides finde ich nicht wünschenswert und deswegen müssen wir darüber reden/schreiben! Denn beides muss auch mit Attachment Parenting nicht sein.

 

Letztendlich finde ich es auch für die Kinder sehr wichtig, dass sie lernen, andere Bedürfnisse zu respektieren. Das bedeutet nicht: "Jetzt ist Elternzeit, geh in den Zimmer/ Bett und störe mich nicht." Für mich bedeutet es, dass wir Eltern im Gespräch über unsere Tagesplanung/Mahlzeiten/Schlafenszeiten etc. eben auch immer wieder betonen, was wir so brauchen. Und das wir gemeinsam üben, alle diese Bedürfnisse miteinander oder nebeneinander oder nacheinander zu integrieren.

 

Unabhängigkeit im Attachment Parenting?

Zum anderen scheint das Ganze auf eine sich immer besser einspielende Symbiose zwischen Mutter/Eltern und Kind hin zu entwickeln. Doch eine Symbiose erfüllt nicht alle Bedürfnisse des Babys. Vielmehr entwickelt sich neben dem Bedürfnis nach Nähe und Bindung ein Drang die Welt zu erkunden etc. und dem steht diese Symbiose im Weg.

 

Außerdem bringt wohl jedes Kind neben den typischen Babybedürfnissen auch ganz individuelle Bedürfnisse mit. Mit zunehmendem Alter prägen sich diese immer stärker aus, während die typischen Babybedürfnisse, auf welche gerade die bekannten Attachment Parenting Werkzeuge zugeschnitten sind, etwas in den Hintergrund geraten. Doch darauf, was dann zählt, bereiten die gängigen Informationen über das Attachment Parenting viel zu wenig vor: es geht darum das Kind von Anfang an als ganz eigenständige Persönlichkeit kennenzulernen. Nicht um das Standard-Baby mit den Standard-Bedürfnissen auf welche wir mit den Standard-Werkzeugen ideal eingehen können. Und auch nicht um das Kind als Anhängsel der Mama.

 

Doch dieses genau hinschauen was für ein Charakter da eigentlich ist und das Annehmen und Unterstützen der eigenständigen Persönlichkeit auch in Konfliktsituationen zur symbiotischen Mutter/Betreuungsperson ist leider nicht Thema des Attachment Parenting, so wie ich darüber gelesen habe.

 

Attachment Parenting ist, was du daraus machst

Letztendlich ist Attachment Parenting für mich keine Methode im Sinne von "mache ABC und du erhältst die Resultate XYZ". Ich verstehe es als eine Denkrichtung bezüglich (kleinerer) Kinder, welche versucht, wissenschaftliche Erkenntnisse allgemeinverständlich auszudrücken und Eltern konkrete Hilfsmittel aufzuzeigen, wie sie entsprechend mit ihren Kindern umgehen können. Als solche finde ich sie sehr wertvoll. Das es in verschiedenen Familien unterschiedliche Schwierigkeiten damit gibt, sehe ich nicht als Nachteil. Eher als Indikator dafür, dass das Attachment Parenting grundsätzlich hilfreich für Familien ist aber sich in einigen Bereichen noch weiterentwickeln wird.

 

Ehre, wem Ehre gebührt: zu diesem Artikel haben mich zwei Blog angeregt: Lulastic and the Hippyshake (englischsprachig, aber so wundervoll) beschreibt in mehreren wundervollen Artikeln, wie wichtig einerseits die Bindung zu den Kindern, andererseits aber auch die Eigenständigkeit der Kinder ist. Und Susanne von Geborgen Wachsen ruft auf, unsere Gedanken zum Attachment Parenting zu teilen, wozu dies mein Beitrag ist.

 

Was denkst du darüber?

 


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