Fehler ausdrücklich erlaubt - warum ich den Kindern trotzdem vertraue

Wir hatten gerade ein interessantes Erlebnis: Meine Jungs hatten eine Freundin zu Besuch und alle haben oben gespielt. Ich saß solange mit deren Mama unten. Meine Freundin erzählte mir, dass sie ihrer Tochter nicht vertrauen kann weil diese so impulsiv ist und sich nicht an Absprachen hält. Ich erzählte, dass ich auch impulsive Kinder habe, die sich nicht an jede Absprache halten. Aber ich vertraue trotzdem darin, dass sie sich größtenteils richtig verhalten werden. Ich vertrauen ihnen. Kurze Zeit später entdeckten wir, dass die Räuber plus Freundin im Zimmer unserer großen Prinzessin Süßigkeiten geklaut hatten...

 

 

Natürlich ist es nicht ok die große Schwester zu beklauen. Und natürlich wissen meine Räuber das - sie dürfen nicht einmal ohne vorher zu fragen in ihr Zimmer. Trotzdem empfinde ich solche Zwischenfälle nicht als Bestätigung, dass mein Vertrauen unberechtigt ist.

 

Für mich gehören Fehler zum Leben dazu: ich bin nicht frei von Fehlern, also müssen es meine Kinder auch nicht sein. Vielmehr sehe ich Fehler meist als Chance:

  • die Chance etwas richtig gut zu lernen

  • die Chance mit mehrfachen Versuchen etwas besonders schwieriges zu erreichen

  • die Chance Soziales Verhalten in allen Aspekten und Eventualitäten zu erkunden

  • die Chance auch in unangenehmen Situationen zu seinen Fehlern zu stehen

  • die Chance Entschuldigung und Wieder-Gut-Machen zu üben

  • die Chance es beim nächsten Versuch besser zu machen

Definitiv sind Fehler bei uns nichts, wovor man Angst haben muss und was man mit aller Kraft vermeiden muss. Ich glaube dieses mit aller Kraft vermeiden bremst beim Entfalten, beim Dinge ausprobieren und neues Lernen. Und dieses Fehler Vermeiden ist eine Folge von Angst vor Strafe und Konsequenzen. Meine Kinder sollen sich selbst aber nicht aus Angst einschränken. Vielmehr wünsche ich mir, dass sie aus einem Verständnis für die jeweilige Situation heraus angemessen handeln.

 

Um beim Beispiel zu Bleiben: selbstverständlich möchte ich, dass meine Jungs ihre Schwester nicht beklauen. Die Frage ist, ob sie es aus einem Verständnis der Situation (unsere Schwester will das nicht und darf selbstverständlich über ihre Sachen bestimmen) oder aus Angst vor Strafe darauf verzichten sollen. Denn es ist definitiv ein Verzichten auf die schnelle, gewissermaßen naheliegende Bedürfnis- bzw. Wunschbefriedigung.

 

Mir geht es um das Verständnis. Also ist eine Situation wie die Geschilderte für mich ein Hinweis, dass dieses Verständnis noch nicht über spontanen Impulsen steht: sie wissen schon, dass ihre Schwester genauso wenig wie sie selbst beklaut werden will. Aber die Versuchung der Süßigkeiten war stärker. Ich finde das ist, insbesondere bei kleineren Kindern, absolut menschlich.

 

Also muss ich nicht verärgert sein und mein Vertrauen zurückziehen. Vielmehr gibt es uns die Gelegenheit, auf genau diesen Lernprozess genauer zu schauen: mit den Räubern über die Problematik zu sprechen sowie ihnen die Chance einzuräumen, ihren Fehler zuzugeben und für Wieder-Gut-Machung zu sorgen. Im Süßigkeiten-Beispiel haben sie von ihrem spärlichen Taschengeld für die Prinzessin eine neue Tüte mit Süßigkeiten gekauft. Genauso gut hätten sie bei nächster Gelegenheit ihr zuliebe auf ihren Anteil Süßigkeiten verzichten können oder sich für eine ganz andere Form der Wiedergutmachung entscheiden können. Wichtig war mir, dass sie ihr „beichten“, was passiert ist und ihr erklären, wie sie es wieder gut machen wollen.

 

Ich bin überzeugt, dass sie auf diese Weise nach und nach genau das Lernen werden, was wir als gesellschaftlich akzeptables statt Impuls-gesteuertes Verhalten erwarten. Ganz ohne Strafe und Angst aber mit viel Verständnis und Vertrauen. Und auf dem Weg dahin habe ich nun eben ein besonderes Auge auf diese Problematik. Denn dies ist meine Aufgabe als Mama, ich trage hier die Verantwortung!

 

Nebenbei bemerkt: ich finde es wesentlich einfacher für mich, wenn sie ihre große Schwester beklauen als wenn sie heimlich in einem Laden etwas mitnehmen. Kleine Fehler sind oft nicht so schlimm, einfach zu gestehen und einfach zu beheben. Und sie haben das Potential größere, schlimmere Fehler zu verhindern – was für eine Chance.

 

Ist Vertrauen also ein „Freifahrtschein“?

Natürlich nicht. Es gibt eine ganze Reihe von Situationen, da kann ich einem impulsiven 3- und 4-Jährigen noch nicht vertrauen, sondern trage zu 100% selbst die Verantwortung – beispielsweise im Straßenverkehr. Obwohl wir üben, üben, üben, vergessen sie im Spiel gerne mal nach links und rechts zu sehen. Völlig normal für ihr Alter übrigens. Aber eben für mich deshalb völlig klar: sie dürfen noch nicht ohne Aufsicht im Straßenverkehr unterwegs sein. Selbst wenn sie im Vorgarten (nahe der Straße) spielen, behalte ich sie im Auge. Nicht, weil ich ihnen nicht vertraue, sondern weil ich einschätzen kann, dass sie dazu noch nicht in der Lage sind. Und weil ein Fehler im Straßenverkehr eben nicht so einfach wieder gut zu machen ist.

 

Dort, wo Fehler wieder gut zu machen sind, genießen sie jedoch mein Vertrauen. Beispielsweise beim klettern auf dem Spielplatz. Klar können sie dabei aus 1 bis 2m Höhe fallen. Sie können sich dabei auch wehtun. Aber dann lernen sie etwas über ihre Kletterfertigkeit bevor sie in 5m Höhe auf einem Baum sitzen (was hier mittlerweile Alltag ist und problemlos funktioniert).

 

Zurück zum Süßigkeitenbeispiel: als wir nach unserem Gespräch über Vertrauen den „Diebstahl“ entdeckt haben, hat meine Freundin mich sehr merkwürdig angesehen. Ich fühlte mich natürlich in Frage gestellt und hätte ihr gerne auch noch den Teil mit besser kleine als große Fehler erklärt. Doch dazu sind wir nicht gekommen. Dafür haben sich alle drei etwas später wirklich ernstgemeint entschuldigt und alles wieder gut gemacht. So ist für die Kinder untereinander alles geklärt, ich musste nicht schimpfen und die Jungs haben etwas gelernt – wenn es doch immer so einfach und logisch wäre!

 

 

Verlinkt beim Freutag

 

Wie siehst du das?

Vertraust du deinen Kindern?


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