Effektiver Lernen in den Sommerferien? - Selbstversuch im Freilernen

 

Wer meinen Blog schon ein wenig kennt, weiß vermutlich, dass ich die Idee des Freilernens schätze. Aus meiner Sicht wäre dies eine der aktuellen Hirnforschung sowie dem respektvollen Umgang miteinander entsprechende Lernform. Leider ist Deutschland eines der wenigen Länder, welche dies nicht einmal im Ansatz zulassen. Und so geht meine Prinzessin seit einem Jahr in die Schule. Doch diese Sommerferien haben wieder gezeigt, wie gut ihr dir Freiheit tut. Welche Motivation und welches Interesse sich plötzlich entwickeln, wenn der Zwang wegfällt, hat mich nach der Schulerfahrung völlig überrascht und unheimlich gefreut:

 

 

 

Dieses Jahr hatten wir wundervolle Sommerferien: viele spannende Erlebnisse und viel gemeinsame Zeit für gute Unterhaltungen im Natur-Camping-Kletterurlaub, beim Segeln in der Dänischen Südsee und beim Erkunden des Harzes. Anfangs war es insbesondere für unser Schulkind eine Herausforderung, sich auf die Natur um sich herum und auf den fehlenden "Input" durch Arbeitsaufträge einzulassen. Doch nach und nach sprudelten die Ideen und die Neugier wurde wieder wacher:

Nach und nach haben wir alle beispielsweise einiges Neues über die jeweilige Tier- und Pflanzenwelt gelernt: So finden die Räuber nun Steinpilz- und Maronenähnliche Pilze im Wald, erkennen weitere Baumarten und Vögel, haben diverse Entwicklungsstadien von Kaulquappen und Fröschlein sowie vom Boot aus Schweinswale beobachtet. Wir haben Krabben, kleine Fische, Garnelen und Seesterne gekeschert und herausgefunden, wie man sorgsam mit ihnen umgeht, so dass sie weder ersticken noch verhungern. Viele unserer Beobachten haben wir im Bestimmungsbuch nachgelesen und die Kinder haben sie aufgezeichnet. Wir wissen jetzt auch, wie man Lebensmittel vor dem Fuchs in Sicherheit bringen kann, und warum man einige Naturbereiche zu bestimmten Jahreszeiten nicht betreten sollte. Wir haben Steine bestimmt und über die Entstehungsgeschichte der Landschaft geredet. Vor allem aber haben wir uns daran erinnert, wie gerne wir draußen Zeit verbringen und die Natur erkunden.

Auch andere interessante Dinge, von Wissensbüchern über Wahlplakate über Denkmäler hin zu interessanten Bauwerken wurden in Gesprächen und Entdeckungen quasi aufgesaugt. Und oft in Bildern, selbstgeschriebenen oder aufgemalten Geschichten, späteren neugierigen Fragen oder Phantasiespielen umgesetzt.

Was mich jedoch wirklich überrascht hat, war das Interesse der Prinzessin für Mathematik. Das Schuljahr über waren die Rechenhausaufgaben häufig ein Kampf und sie hat mehrmals behauptet, einfach zu blöd dafür zu sein (von wem hat sie diese Beurteilung mitgebracht?). Und plötzlich schreibt sie sich zum Spaß Rechenaufgaben, entdeckt selbstständig die Multiplikation als Gegenteil von XYZ Dinge gerecht aufteilen und rechnet, rechnet, rechnet. Außerdem übt sie bis 100 zu zählen und schreibt mehrmals die Zahlen von 1 bis 100 auf. Auch das, was danach kommt, interessiert sie plötzlich sehr und sie macht erste Schritte im Rechnen mit 100ern und 1000ern. Das ist unheimlich faszinierend zu sehen. Und wunderschön, wenn die Augen bei jeder selbsterarbeiteten Erkenntnis leuchten und das Kind mit so viel Freude statt Frustration bei der Sache ist.

Und warum darf es nicht immer so sein? Warum vertrauen wir nicht einfach unseren Kindern, dass sie auf diese Weise nach und nach alles lernen werden, was sie im Leben brauchen (einfach weil es ihnen begegnet und sich als nützlich erweist)? Warum entfernen wir sie aus Natur und gesellschaftlichem Leben, um sie darüber zu bilden bzw. darauf vorzubereiten? Warum stehlen wir ihnen so viel Lebenszeit, um ihnen auf eine lernpsychologisch fragwürdige Art Dinge beizubringen, die vielleicht noch nicht dran sind in ihrer Entwicklung oder deren Nutzen sie noch nicht entdeckt haben? Warum lassen wir zu, dass Lernen einen so negativen Beigeschmack bekommt? Dass Neugier und Tatendrang so abstumpfen? Dass sich aufgeweckte Kinder als Versager vorkommen und dieses Gefühl mit in ihr weiteres Leben tragen?

 

Ich habe kein gutes Gefühl dabei, meiner Prinzessin ihre geliebte Freiheit wieder zu nehmen und sie in die Schule zu nötigen. Sie würde jederzeit und liebend gerne auf die Schule verzichten um stattdessen ein selbstbestimmtes Leben zu leben, ihren vielfältigen Interessen nachgehen und ihre Zeit mit den jeweils aktuellen Lieblingsmenschen verbringen zu können. Ich würde das sehr begrüßen, wenn sie so leben dürfte und frage mich wieder einmal, warum sich in Deutschland der Gesetztgeber das Recht heraus nimmt, solch ein Leben zu verbieten (mehr zum Thema findest du z.B. auf meinen Freilernseiten und beim Freilerner-Kompass). Mir ist die Pflicht die Kinder zu schützen und allen gleiche Chancen (was nicht gut gelingt) zu eröffnen völlig bewusst, doch gelingt dies den anderen Ländern in Europa nicht schlechter, obwohl sie Freilernen (teilweise unter erheblichen Auflagen) zulassen. Also warum nur?

 

Was haben deine Kinder und du in den Ferien gelernt?

Habt ihr die Leichtigkeit genossen?


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Kommentare: 3
  • #1

    Juliaa (Mittwoch, 06 September 2017 13:06)

    Schön, dass du/ihr euch auch die zeit nehmt euch intensiv mit entdeckungen zu beschäftigen. Ich tu mir da oft schwer (und hinterher tut mir das dann oft leid)
    Vergessen wurde bei uns holz geholt und wir haben darunter ein igelnest (8 junge!!!) gefunden... Die kinder haben sie ganze nachmittag beobachtet und am nächsten tag hab ich sie ausgeweckt, weil die igelmama die kleinen gerade umgesiedelt hat.... Wir hätten schon befürchtet ihr ist beim holz umheben was passiert- da war die freude natürlich groß über die glückliche vollständige igelfamilie... Ich hoff diesmal treib ich die gewünschten runde infos schnell genug auf... Liebe grüße und hoffentlich trotzdem schule fröhliches weiter entdecken und lernen

  • #2

    juliaa (Mittwoch, 06 September 2017 15:47)

    oje, habs grad durchgelesen und bemerkt, dass mein handy wieder lustiges wörterbuchfunktion-wörter-verdrehen gespielt hat... sorry- mein kommentar liest sich nicht besonders flüssig...

  • #3

    Maria (Mittwoch, 06 September 2017 16:20)

    Hallo und danke für deinen Kommentar! Und lieber etwas verdreht als überhaupt nicht - Bloggen macht mit Kommentaren mindestens dreimal soviel Spaß :-)

    Das mit den Igeln klingt ja süß, da wären meine Räuber auch Feuer und Flamme. Hätte nicht gedacht, dass die Igelkinder am Ende des Sommer überhaupt noch im Nest sind. Wieder was gelernt ;-)

    Ich glaube der Spaß am gemeinsamen Entdecken ist ein Teil des Zaubers, den ich am Freilernen so toll finde. Wir Erwachsenen sind so abgeklärt und haben im Alltag so wenig Muse, dass wir spannende Dinge kaum entdecken oder uns einfach keine Zeit nehmen, der Neugier nachzugeben. Sobald man sich aber darauf einlässt, macht es allen Beteiligten unheimlich viel Spaß. Und ich erkunde lieber mit meinen Kindern auch für mich spannende Sachen als die 100ste Runde über einen langweiligen Spielplatz zu drehen.

    Liebe Grüße,
    Maria