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Freischwimmer - unser Weg selbstbestimmt und frei schwimmen zu lernen

Wir wohnen am Meer - Schwimmen können ist hier für selbstständiger werdende Kinder eine Sicherheitsfrage. Doch selbst in Seen, Flüssen und sogar Springbrunnen und Co können Kinder potentiell ertrinken - das Thema ist für alle Eltern wichtig. Eine Lösung ist es die Kinder in einen Schwimmkurs anzumelden und somit die Verantwortung scheinbar abzugeben.

 

Doch selbst das manchmal hart erkämpfte Seepferdchen-Abzeichen ist eher eine trügerische Sicherheit: geschockt vom Reinfallen, mit schwerer und die Bewegungen erschwerender Kleidung sowie vielleicht länger nicht geschwommen können sich die Kinder nicht verlässlich selbst retten. Und so folgen auf einen Schwimmkurs häufig weitere.

 

Wir haben einen anderen Weg gewählt unsere Räuberkinder beim Schwimmen lernen zu unterstützen: mit Familienerlebnissen und vielfältigen Gelegenheiten, Spaß am eigenständigen Lernen und Vertrauen - lass dich inspirieren:

 

Bei uns kamen die Freundinnen der Prinzessin mit 4 bis 5 Jahren in einen Schwimmkurs. Wir wurden auch mitgezogen und haben es ausprobiert: jeden einzelnen Schwimmtag klagte meine Prinzessin über Bauchschmerzen und spielte dann im Lehrbecken an der Treppe anstatt fleißig Schwimmen zu üben.

 

Andere Kinder mochten die Übungen, die "disziplinierten Bewegungen" im Wasser oder auch den Wettbewerbs-Charakter des Kurses. Wieder andere wurden überredet oder mit diversen Wunscherfüllungen bestochen. Wir haben den Kurs gekündigt und das Schwimmen lernen ersteinmal verschoben. Ich war bewusst weiter für die Sicherheit am und im Wasser verantwortlich und wir haben uns nach und nach herangetastet: das bedeutete über einige Jahre sehr viel Planschen im flachen Wasser anstatt irgendwelcher Versuche, das Kind in tieferes Wasser zu bewegen.

 

Im Nachhinein war es so ideal: unsere Kinder hatten sehr viel Zeit und Gelegenheit sich spielerisch und 100% nach ihrem eigenen Gefühl mit dem Wasser vertraut zu machen. Zwei mochten lange kein Wasser im Gesicht, einer ging jederzeit furchtlos und voller Vertrauen mit dem Wasser um. Und alle drei haben mindestens einen heilsamen Schreck bekommen: von einer Welle umgeschmissen, beim Spielen untergetaucht, ... - dank liebevoller Begleitung zwar Respekts-einflößend aber nicht wirklich schlimm.

 

Und gerade der dadurch erlernte Respekt vor dem Wasser verbunden mit Wassergewöhnung, gesundem Selbstvertrauen im flachen Wasser und unserem Vertrauen in sie (plus die häufige Rückversicherung über Blickkontakt) haben ihnen sehr gut getan.

 

Denn plötzlich geht es mit dem Schwimmen lernen voran: letzten Sommer wollte die große Prinzessin (damals frisch 9) dann doch das Schwimmen lernen und wir haben uns gemeinsam für einen Schwimmgürtel als Unterstützung entschieden - damit fühlte sie sich sicher, hatte eine natürlichere Lage im Wasser als mit Schwimmflügeln und sie konnte nicht einfach pausieren (was beim echten schwimmen ja auch nicht möglich ist).

 

Zuerst war das Schwimmen damit eine große Herausforderung, weil im Gegensatz zu den Schwimmflügeln der Kopf nur mit bewussten Schwimmbewegungen über Wasser bleibt. Doch schnell konnten wir ein Styroporpäckchen nach dem anderen entfernen und sie schwamm immer besser. Am Ende klappte es ohne Gürtel einmal um den Steg auf Åland und ihre Freude über das eigenständige Erarbeiten dieses Meilensteins war umwerfend schön. Heute schwimmt sie liebend gerne und sehr sicher - sie hält problemlos mit ihren Schwimmkurs-besuchenden Freundinnen mit.

 

Nach dieser Erfahrung war ich für das Thema frei schwimmen lernen sensibilisiert und habe mich weiter informiert: faszinierender Weise gibt es am bzw. dank Stelzenhäuser auf dem Wasser lebende Naturvölker, deren Kinder großartig schwimmen und tauchen ohne jemals Schwimmunterricht erhalten zu haben. Sie bewegen sich ganz selbstverständlich und intuitiv im bzw. unter Wasser (dazu der Film "Die Freischwimmer", Trailer auf YouTube).

 

Es gibt auch alternative, gewissermaßen an Wassergewöhnung und dem sich intuitiv sicher über Wasser halten orientierte "Schwimmkurse" ("How to teach your baby, toddler or child to swim - respectfully?", englischsprachig auf YouTube).

 

Und es gibt die Erfahrung gerade von Freilerner-Familien, dass viele Kinder quasi unter Wasser schwimmen lernen und erstmal spielerisch ihre Schwimmbewegungen im flachen Wasser üben, bis sie dann irgendwann sicher schwimmen können. Davon bestärkt, gehen auch die beiden jüngeren Räuberkinder nicht in einen Schwimmkurs.

 

Stattdessen sorgen wir noch viel bewusster für häufige Wasserkontakte: oft im Meer aber im Herbst und Winter auch immer wieder im Schwimmbad. Wir Eltern sorgen für eine vertrauensvolle, sichere Atmosphäre aber lassen die Kinder auch möglichst viel im etwa hüfthohen Wasser ("Popotiefe") herumprobieren. Dort können sie sich gut aufrichten, wenn sie unter Wasser waren. Und dort können sie prima spielen aber auch Schwimmzüge üben. Mindestens ein Erwachsener beobachtet die Kinder im Wasser, um im Zweifelsfalls an die abgesprochene Wassertiefe zu erinnern oder zur Hilfe kommen zu können.

 

Ohne Schwimmhilfen spielen und probieren sie auf eine ganz andere Art im Wasser und entwickeln dabei auch Fortbewegungs-Möglichkeiten, die an Schwimmzüge oder auch "Hundepaddeln" erinnern. Nach und nach sind unsere Räuberkinder so immer sicherer in ihren Bewegungen im Wasser geworden und so können beispielsweise auch beide kleine Räuber (aktuell 5 und 6 Jahre alt) zwischen den Beinen eines Erwachsenen hindurch tauchen. Ich bin mir sicher, dass sie auf diese Weise nach und nach immer besser Tauchen und schließlich auch Schwimmen lernen werden. Und ich bin völlig fasziniert von diesem eigenständigen Lernprozessen.

 

Und die korrekten Schwimmbewegungen?

Wenn du dich jetzt "Das freie Schwimmen lernen ist ja schön und gut aber lernen die Kinder so denn auch die korrekten Schwimmbewegungen?" fragst, dann frage ich dich "Warum eigentlich?".

 

Wenn die Kinder schneller werden wollen (für den Wettkampf mit anderen Kindern beispielsweise), dann werden sie mit dieser Motivation vermutlich auch an ihrer Technik arbeiten. Sie können andere Schwimmer beobachten oder um Rat fragen - so hat beispielsweise unsere große Prinzessin sehr bewusst Brustschwimmen geübt und diesen Sommer perfektioniert.

 

Oder die Kinder wollen größere Strecken tauchen können und auch da geht es dann plötzlich um Technik, so wie bei unseren Räuberjungs diesen Sommer. Wir haben ihnen den Tipp gegeben an ihren Armbewegungen zu arbeiten und nun tun sie dies auch völlig selbst motiviert.

 

Vielleicht wollen sie auch in einen Schwimmverein, am Schul-Schwimmen teilnehmen oder es ergibt sich ein anderer Grund für "korrekte" Schwimmbewegungen - wer will, wird sie auch erlernen.

 

Und wer nicht will? Der hat dann vielleicht einfach das Recht für sich selbst zu entscheiden, dass es ausreichend ist, sich selbst retten zu können und sich zur eignen Freude im Wasser zu bewegen, völlig egal ob diese Bewegungen in eine Norm passen?

 

Und Schwimmabzeichen?

Ich habe bis heute nicht einmal ein Seepferdchen und habe es auch nie benötigt. Meine große Prinzessin hat nun Schulschwimmunterricht und zuerst sollte das Seepferdchen Voraussetzung für eine Teilnahme in der Schwimmer-Gruppe sein - dafür wären wir gegebenenfalls kurzfristig in unsere Schwimmhalle gefahren um ihr Schwimmen dem Bademeister vorzuführen.

 

Zuerst habe ich jedoch die Schwimmlehrerin kontaktiert und so durfte sie letztendlich einfach vorschwimmen. Da in diesem Schwimmunterricht auch Abzeichen gemacht werden können, vermute ich sie wird es dort ablegen. Wenn nicht, können wir dies jederzeit in der Schwimmhalle erledigen, wenn es sie dies möchte.

 

Und die Sicherheit?

Wie bereits in der Einleitung beschrieben stellt für mich das Seepferdchen keine verlässliche Sicherheit dar: wer mit Kleidung ins Wasser fällt muss schon deutlich sicherer schwimmen können, um sich verlässlich selbst zu retten. Sicherheit gibt mir kein Abzeichen, sondern meine Einschätzung der Kinder - solange ich sie nicht für geübte Schwimmer halte, lasse ich sie am Wasser nicht aus den Augen.

 

Beim Planschen im Wasser handhaben wir es so, dass ein Elternteil die Kinder im Wasser ständig beobachtet und ggf. auch an Hintergrundwissen (rutschige Steine, Strömung, ...) und die abgesprochene Wassertiefe erinnert. Gleichzeitig hat derjenige den Kindern anfangs durch positives Bestärken (Blickkontakt, mit Worten begleiten) viel Sicherheit gegeben, wodurch sie eben nicht in Panik geraten sind sondern gelernt haben sich ruhig selbst zu helfen, sollte mal eine Welle über den Kopf rollen oder jemand hinfallen. Das gibt mittlerweile uns allen die Sicherheit, dass alle drei Kinder verantwortungsbewusst mit sehr vielen Situationen im Wasser umgehen können.

 

Und wenn das Kind nicht schwimmen lernen will?

Ich persönlich empfinde nicht schwimmen zu können als Sicherheitsrisiko, sobald man sich in Gewässernähe befindet. Somit ist Schwimmen lernen für mich auch eine Art auf sich selbst aufpassen - für jeden Menschen sinnvoll und eine der wichtigsten Elternaufgaben, meine Kinder darin zu stärken. Hätte meine Prinzessin, die zunehmend mit Freundinnen unterwegs ist, sich nicht irgendwann dafür interessiert, so hätte ich versucht ihr Interesse am Schwimmen zu wecken: mit vielfältigen Gelegenheiten aber auch im Gespräch.

 

Und Schwimmkurse?

Es gibt sicherlich Kinder, die Spaß an solchen Kursen oder am Schwimmen im Verein haben und es gibt Eltern, die ihre eher Kinder regelmäßig dorthin bringen möchten als systematisch in einer entspannten Atmosphäre mit ihnen Schwimmen zu gehen. Das möchte ich in keiner Weise abwerten.

 

Es gibt aber auch Eltern so wie wir, die eingeschüchtert von der Ansage das Schwimmen lernen besser in professionelle Hände zu geben, sich vielleicht nicht zutrauen ihr Kind frei schwimmen lernen zu lassen oder es ihm selbst beizubringen. Und diese Eltern möchte ich gerne ermutigen: Kinder brauchen vor allem Sicherheit und Vertrauen - beides können wir Eltern ihnen problemlos bieten. Und sie brauchen vielfältige Gelegenheiten zum Ausprobieren und vielleicht etwas Inspiration. Bewegungen im Wasser lernen sie dann wunderbar aus eigenem Antrieb! Gemeinsames Schwimmen gehen kann solch eine verbindende Erfahrung sein und selbstständiges Lernen ist einfach wunderbar bestärkend - was für eine einmalige Gelegenheit!

 

Was hältst du von der Vorstellung, dass Kinder frei schwimmen lernen können? Hast du Fragen dazu?

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Kommentare: 2
  • #1

    Claudia (https://unservogelnest.wordpress.com/) (Montag, 23 September 2019 20:06)

    Hallo Maria,
    wow, toller Artikel!
    Ich habe mich mal während meiner Ausbildung damit beschäftigt und war damals und heute immer noch ziemlich fasziniert. Auch z.b dass Schwimmflügel oft nicht hilfreich sind, habe ich noch in Erinnerung.
    Es ist einfach so, bei allem was man lernen will - es muss Spaß machen und man muss es selbst wollen.
    Jedenfalls, als ich das Seepferdchen hatte, konnte ich eigentlich noch gar nicht schwimmen. Ich konnte zwar mit Mühe und Not eine Bahn schwimmen, aber es war mehr Zwang und Druck. Aber ich konnte auch zuerst tauchen (selbst beigebracht im Freibad), bevor ich über Wasser schwimmen konnte - ich glaube das ist ziemlich häufig so, dass das zuerst kommt.
    Liebe Grüße,
    Claudia
    https://unservogelnest.wordpress.com/

  • #2

    Maria von OstSeeRäuberBande (Montag, 21 Oktober 2019 10:38)

    Liebe Claudia,
    danke für deinen lieben Kommentar!
    Eigentlich ist es so selbstverständlich, wie Lernen funktioniert - nur missachten wir das leider konsequent im Umgang mit Kindern. Total schade!
    Aber schön, wenn du ähnliche Erfahrungen gemacht hast.
    Liebe Grüße,
    Maria