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Geschwisterbeziehung fördern - Warum ich systematische Spezialzeiten für jeweils ein Kind nicht sinnvoll finde

 

Mir wird immer wieder gesagt, dass meine Kinder bewundernswert viel und gut miteinander spielen. Und manchmal überrascht es selbst mich: wenn die große Prinzessin beispielsweise lieber mit ihren kleinen Brüdern als mit einer Freundin spielen will. Wenn sie stundenlang miteinander spielen und Schwierigkeiten liebevoll klären. Doch das war nicht immer so: es gab eine Zeit, da konnten hier drei sehr unterschiedliche Kinder wenig miteinander anfangen. Und auch die Geschwister-Konstellation (ein größeres Mädchen, 2 kleine Jungs) ist nicht ideal. Warum sie trotzdem so wunderbar miteinander spielen?

 

 

 

Ich mache dafür vor allem zwei Dinge verantwortlich: wir setzen auf Familien- statt Einzelaufmerksamkeits-Zeiten und wir achten sehr auf einen respektvollen Umgang in der Familie. Natürlich ist es damit nicht immer harmonisch und wir haben auch unseren fairen Anteil an Geschwister-Streiterein. Ich denke das ist zu erwarten, wenn mehrere Kinder miteinander aufwachsen und sich dabei immer wieder aneinander reiben. Und trotzdem können sie sich nie lange böse sein und finden relativ schnell wieder den Zugang zum jeweils anderen. Sie gehen auf eine solch lebendige und intensive Art miteinander um, dass ich völlig überzeugt von unserem Weg bin:

 

 

 

Familienzeit statt Spezialzeit für jedes Kind

 

Als unsere jeweils zweiten Kinder geboren wurden, begannen im Freundeskreis viele Eltern damit ihren Ältesten Spezialzeit zu schenken – also Zeiten, in denen ein Elternteil ganz bewusst nur ein Kind hat um mit ihm eine tolle Zeit zu verbringen. Gerade das „vom Thron gestoßene“ Große bräuchte doch diese Spezialzeiten um mit der neuen Situation als großes Geschwisterkind umgehen zu können.

 

 

 

Doch diese Argumentation hat mich nicht überzeugt. Wie sollten diese aus Kindersicht seltenen Ereignisse den Übergang in ein Leben als großes Geschwisterkind erleichtern? Lenken sie doch eher denn Fokus darauf, was früher vielleicht als gegeben genommen wurde aber heute Mangelware ist. Und helfen sie sicher nicht das Baby herzlich als neues Familienmitglied zu begrüßen.

 

In unserer Situation hat der große Lieblingsmensch zu diesem Zeitpunkt immer lange gearbeitet, so dass Spezialzeit für die Große auch einfach nur schwer umzusetzen gewesen wäre. Also haben wir einen anderen Weg gefunden: Ich habe meine Zeit mit beiden Kindern verbracht und war bewusst präsent für beide Kinder da. Häufig hat das Baby vergnügt neben uns gelegen, während die Prinzessin und ich auf dem Fußboden und mit Körperkontakt zum Baby gespielt, gebaut, gemalt oder gelesen haben. So hat sie ihre gewohnte Mama-Aufmerksamkeit bekommen, nur das eben ein Baby dabei war. Und um Babys muss man sich nun einmal kümmern, d.h. wenn das Baby etwas brauchte, so war es genauso selbstverständlich, dass dann eben das Baby Mama-Aufmerksamkeit bekommt. Sie war damit ja nicht abgemeldet sondern immernoch dabei. Auch unterwegs konnten wir dank Babytrage ganz selbstverständlich gemeinsam sein ohne das jemand auf meine Aufmerksamkeit verzichten musste. Selbst zuhause war der Babysohn oft in der Trage, damit wir zusammen kochen oder durchs Haus flitzen konnten - er hat es genossen und sie ebenfalls.

 

 

 

Im Nachhinein denke ich, dass wir so ganz instinktiv etwas richtig gemacht haben. Die „verkopfte“ Lösung mit der Spezialzeit beachtet nämlich nicht die Signale, die unbewusst gesendet werden: die tollsten Zeiten hast du mit Mama/Papa immer dann, wenn wir das Geschwisterkind „wegorganisiert“ haben. Das Geschwisterkind wird so unbewusst noch stärker zum Störfaktor, als es eigentlich ist. Und die Geschwisterbeziehung wird erschwert. Auf der anderen Seite haben wir von Anfang an vermittelt: einen Großteil deiner gewohnten Aufmerksamkeit bekommst du weiterhin und es ist eine Bereicherung, dass nun noch jemand unsere gemeinsamen Spielzeiten teilt. Die schönsten Zeiten haben wir ganz selbstverständlich als Familie.

 

 

 

Und nebenbei bemerkt: auch bei uns gibt es „Spezialzeiten“. Manchmal ergeben sich diese ganz zufällig, weil zwei Kinder tief versunken spielen und jemand Drittes Aufmerksamkeit sucht. Oder weil nur eines unserer Kinder etwas ganz bestimmtest mit Mama oder Papa machen möchte. Manchmal suchen die Kinder diese intensive Aufmerksamkeit aber auch ganz bewusst und fragen beispielsweise ob wir zu zweit etwas in der Stadt erledigen können etc.. Und das versuchen wir möglich zu machen, denn entspannte, gezielte Aufmerksamkeit tut nicht nur dem Kind sondern auch dem Elternteil gut. Aber wir teilen diese Zeiten nicht regelmäßig zu und erheben sie zum tollsten Ereignis der Woche. Wir flechten sie ganz selbstverständlich in ein Familienleben ein, in welchem die gemeinsamen Zeiten und Erlebnisse die Highlights sind.

 

Ein Extratipp: Ich habe als noch ein drittes Kind dazugekommen ist Baby- und Kleinkindbedürfnisse als wichtiger angesehen als Kindergartenkind-Bedürfnisse. Und auch wenn ein schreiendes Baby auf eine gewisse Weise dringlicher ist als eine Geschichte aus dem Kindergarten, so hab ich in dieser Situation meiner Prinzessin nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt. Das tut mir heute sehr leid. Und falls du in einer ähnlichen Situation bist möchte ich dir empfehlen, auch Babys- und Kleinkindern respektvoll aber möglichst schnell beizubringen, auch mal auf ihre großen Geschwister zu warten. Denn auch unsere Entscheidung für eines der Probleme von zwei Kindern ist für jedes der Kinder ein Signal - wir sollten sehr vorsichtig sein ein Kind nicht systematisch als weniger wichtig darzustellen.

 

 

 

Respektvoller Umgang miteinander

 

Ich denke es ist nichts Neues, dass sich unsere Kinder vor allem an unserem Vorbild und nicht an unseren "Regeln" (wenn wir denn welche aufstellen) orientieren. Und so bemühen wir Eltern uns, ein gutes Vorbild für respektvollen Umgang zu sein:

 

  • wir tun nicht weh (beispielsweise kann grobes Anfassen, wenn man wütend ist, sehr schnell den Kindern wehtun, genauso wie anschreien und beleidigen)

  • wir respektieren die Meinungen und Grenzen anderer (z.B. ein "Nein" heißt sofort aufhören, egal ob es ein Kitzelspiel oder der Versuch ein Kind zu Umarmen/Küssen/etc. ist)

  • wir versuchen Konflikte konstruktiv im Gespräch zu lösen oder bewusst eine Auszeit zu nehmen um das Thema später zu besprechen

  • wir entschuldigen uns, auch für unüberlegte Worte und Taten

  • niemand wird gegen seinen Willen zu etwas gezwungen (außer die Kinder gelegentlich zum Arzt und leider die Prinzessin in die Schule)

  • wir achten auf einen liebevollen Umgangston statt scharfer Worte

  • wir trösten wenn jemand traurig ist und stehen ihm bei, wenn ihn seine Gefühle oder die Situation überfordern (auch ein wütendes Kind braucht oft Hilfe und Verständnis, auch ein streitendes/tretendes/hauendes Kind hat ein Problem)

 

 

Oft ist dies verdammt harte Arbeit für uns Eltern. Wir müssen immer wieder über unseren eigenen Schatten springen und beispielsweise einem wütend seine Geschwister tretenden Kind eine Umarmung zur Beruhigung anbieten, bevor wir in Ruhe über die Situation sprechen. Oder es auch mal akzeptieren, dass ein Kind eben nicht mit uns besprechen will, was da gerade passiert ist. Oder eine Entschuldigung annehmen und uns abreagieren, wenn wir selbst schrecklich verärgert sind.

 

 

 

Darauf hat uns niemand vorbereitet und so sind wir nicht aufgewachsen. Aber wir sehen immer mehr, welche Magie dieser Umgang entfalten kann: Wenn beispielsweise der 3-Jährige wütend zu mir kommt, 5 Min nachdenklich beim Kochen hilft und dann sagt: „ich glaub, ich geh mich bei der Prinzessin entschuldigen“. Oder wenn der 4-Jährige seine kranke Schwester streichelt und mich empört antreibt sofort zu kommen, wenn sie ruft. Oder wenn die 8-Jährige ihren kleinen Brüdern hilft einen Streit so zu lösen, dass jeder auf seine Kosten kommt.

 

 

 

Und genau dieser Umgang miteinander hilft eben auch beim miteinander Spielen. Sie schätzen die Gegenwart der jeweils anderen und sie schaffen es immer besser, ihre Konflikte kreativ und konstruktiv zu lösen. Und so spielen und spielen und spielen sie miteinander.

 

 

Hast du weitere Ideen, wie die Geschwisterbeziehung gestärkt werden kann? Was hältst du von Spezialzeit für jedes einzelne Kind?


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Kommentare: 2
  • #1

    Llewella (Dienstag, 16 Januar 2018 09:02)

    Ich habe hier bei uns sehr ähnliche Erfahrungen gemacht wie du. Auch wir machen sehr viel gemeinsam, auch dadurch gefördert, dass das Prinzeßchen unbedingt immer auch das tun möchte, was der große Bruder macht. Sei es nun Pfadfinder oder Handball.

    Das gipfelte dann darin, dass der Große gestern unbedingt seiner kleinen Schwester ein Überraschungsei kaufen wollte, weil er es nicht ertragen könne, dass sie traurig sei. Sie hatte nämlich ihr ganzes Taschen Geld schon ausgegeben, er ist aber von der sparsamen Sorte. Also hat er zwei gekauft und ihr eines geschenkt und schon war der Frieden wiederhergestellt. Ich muss zugeben, ich war ziemlich beeindruckt.

    Gruß,
    Llewella

  • #2

    Maria (Dienstag, 16 Januar 2018 15:08)

    Oh ja,
    solche Situationen kenne ich auch. Und ich finde es sooo toll!
    Heißt auch, dass wir einiges richtig machen :-) Ich glaube die Welt braucht mehr mitfühlende und nicht nur auf ihren eigenen Vorteil bedachte Menschen.
    Liebe Grüße,
    Maria